Tatra/Nesselsdorfer 1897-2012-Das Wichtigste in Kürze
Im
nordostmährischen Ort Nesselsdorf,
auf dem Gebiet von Österreich-Ungarn gelegen,
beginnt der Wagenbauer Ignatz Schustala
im Jahr 1850 mit der Herstellung von Wagen und
Kutschen. Die Erzeugnisse der
künftigen Nesselsdorfer Wagenfabrik werden
bis nach Übersee geliefert, darunter
auch an Staatsoberhäupter in Europa und
Asien. Ab 1882 stellt man auch Eisenbahnwagen
her.
1897:
Unter den Konstrukteuren
Carl Sage und Edmund Rumpler entsteht bei
„Nesselsdorfer" das erste
Automobil im Kaiserreich Österreich-Ungarn,
genannt „Präsident". Es
basiert auf einer Kutsche eigener Produktion und
wird von einem deutschen
Benz-Motor mit zwei Zylindern, 2,7 l Hubraum mit
etwa 6,5 PS und Wasserkühlung
angetrieben. Im Mai 1898 fährt der Wagen ohne
Probleme in 14½ Stunden bis nach
Wien. Noch im gleichen Jahr wird in Nesselsdorf
der erste Lastwagen gebaut.
Ab
1899 beginnt die mehr oder
weniger serienmäßige Fertigung von
Personen-Automobilen, welche auch in
motorsportlichen Wettbewerben erfolgreich
eingesetzt werden.
Im
Jahr 1900 führt man eine
einheitliche Typenbezeichnung mit Buchstaben ein,
beginnend mit dem Typ A.
Schon im Jahr 1902 verwendet man erstmals
Vierzylinder-Motoren eigener Produktion.
Leider wird der Automobilbau in nächster Zeit
etwas vernachlässigt.
1906
entwirft der mit der
Geschichte von Nesselsdorfer/Tatra untrennbar
verbundene Konstrukteur Hans
Ledwinka den Typ S, ein äußerst
fortschrittliches Fahrzeug, u.a. mit
Königswellen getriebener oben liegender
Nockenwelle, halbkugelförmigen
Brennräumen und verblockter
Motor-Getriebe-Einheit, aus dem ab 1910 um zwei
Zylinder erweitert der Typ S6 wird. Seit 1906
werden in Nesselsdorf auch Busse
gebaut. Ab 1913 halten Vierradbremsen,
Lichtmaschine und elektrischer Anlasser
Einzug in die Produktion.
Nach
dem 1. Weltkrieg und dem
Zerfall der Donaumonarchie Ende 1918 liegt das
Werk auf dem Gebiet der (neu
gegründeten) Tschechoslowakei. Nesselsdorf
wird in Kopřivnice umbenannt, aber
im Werk wird interessanterweise gleichsam
tschechisch und deutsch gesprochen. 1921
erfolgt die Umbenennung des Unternehmens in Tatra,
in Anlehnung an das
slowakische Tatra-Gebirge.
Das
Umbruchjahr 1923: Hans
Ledwinka konstruiert ein revolutionäres
Automobil mit Zentralrohrrahmen,
Einzelradaufhängung, luftgekühltem
Zweizylinder-Boxermotor und Vierganggetriebe,
den Tatra 11 mit 1,1 l Hubraum und 12 PS. Das
leichte mit einer
„Bügeleisenfront" versehene Fahrzeug,
später durch Vierradbremsen zum Typ
12 weiterentwickelt, besticht durch
überlegene Fahreigenschaften und erringt
viele sportliche Erfolge. Aufgrund der
großen Nachfrage wird 1925 in Frankfurt
am Main die Firma Delta (später Detra) /
Deutsche (Lizenz) Tatra, gegründet, wo
bis etwa 1933 verschiedene Tatra-Modelle aus
angelieferten Teilen montiert
werden. In gleicher Art werden Tatras von 1921 bis
1939 auch in Wien (ab 1936
als Austro-Tatra) und von 1928 bis 1933 in
Budapest (als Unitas-Tatra)
montiert.
Wegen
des genialen Konzepts
werden nun alle künftigen Tatramodelle mit
dem Zentralrohrfahrgestell
ausgestattet; ab 1925 der T 17 mit
wassergekühltem 2,0 l-Sechszylindermotor, ab
1926 der T 30 mit luftgekühltem (nun
vierzylindrigem) 1,7 l-Boxermotor sowie ab
1930 dessen im Hubraum auf 1,9 l
vergrößertes Nachfolgemodell T 52
(erstmals
mit hydraulischen Bremsen).
Seit
1926 baut Tatra auch
Lastwagen nach dem Zentralrohrrahmenprinzip mit
wassergekühlten Vier- und
Sechszylindermotoren (T 23, T 24 und T 25) sowie
den auf dem Typ 30 basierenden
Sechsradwagen T 26, dem weitere solcher
Spezialautos (zum Beispiel T 72, T 82, T
92, T 93) folgen werden. Und auch mit dem Bau von
Schienenbussen beschäftigt
sich Tatra ab jetzt. Kurioses am Rande: Mit dem
Einzylinder-Dreirad T 49 (0,5
l, 7 PS) hat man das vielfältige
Fahrzeugprogramm seit 1929 nach unten hin
abgerundet. Ab 1935 wird der T 72 sogar im
französischen Argenteuil (Elsass)
bei Lorraine in kleineren Stückzahlen in
Lizenz gefertigt.
Auch
in der Luxusklasse versucht
Tatra ab 1930 (mit wassergekühlten Modellen)
Fuß zu fassen; zum einen mit dem
3,4 l und 65 PS großen Sechszylinder Typ 70
und zum anderen mit dem imposanten Typ
80 mit Zwölfzylinder-V-Motor (6,0 l, 120 PS),
beide mit beachtlichen 3,80 m
Radstand. Ein T 80 steht natürlich auch in
Diensten des tschechischen
Präsidenten Tomáš Masaryk.
1931
werden der Typ 57 (1,15 l,
18 PS) und der Typ 54 (1,5 l, 22 PS) jeweils mit
luftgekühlten
Vierzylinder-Boxer-Motoren vorgestellt. Und 1933
wird die
Vierzylinder-Fahrzeugpalette um den Typ 75 mit 1,7
l und 30 PS erweitert, der
statt der typischen „Bügeleisenfront"
allerdings ein Gesicht mit
schrägstehender Kühlerattrappe als
Zugeständnis an den aktuellen Formgeschmack
besitzt. Auch die Modelle T 57a (ab 1935) und T 52
(ab 1936) erhalten die neue
Front. Abgewandelt wird der T 75 sogar in Lizenz
in Deutschland bei der Ober-Ramstädter
Firma Röhr (1933-35 als Typ „Junior") und
später bei der Firma Stoewer in Stettin
(1935-39 als Typ „Greif Junior" bzw. „Greif")
gebaut.
Hans
Ledwinkas Idee eines
Stromlinienwagens findet 1933 im Prototyp V-570
seine (erste) Verwirklichung;
einer Limousine mit luftgekühltem
Zweizylinder-Heckmotor und großer
Ähnlichkeit
mit dem (späteren) Volkswagen. 1934 dann ist
es so weit: Der revolutionäre Typ
77 mit luftgekühltem V-Achtzylinder-Heckmotor
(3,0 u. 3,4 l, 60-70 PS) und
Kastenrahmen ist der erste serienmäßige
Stromlinienwagen der Automobilgeschichte;
ca. 250 Stück dieser 150 km/h schnellen
Fahrzeuge verlassen bis 1938 die
Werkshallen in Kopřivnice. Da erscheint es nur
logisch, daß Tatra nun auch Flugzeuge
und sogar einen Stromlinienzug („Slovenská
Střela") herstellt.
1937:
Als Nachfolger des T 77
stellt Tatra sein möglicherweise
schönstes Automobil überhaupt vor: den
Typ 87.
Der 75 PS starke V-Achtzylinder-Wagen mit
Dreiliter-Motor erreicht (aerodynamisch
weiter ausgefeilt) 160 km/h
Höchstgeschwindigkeit, passend für die
gerade
aufkommenden Autobahnen, und wird in über
3.000 Exemplaren noch bis 1950
produziert. Das (kleinere) Schwestermodell T 97
besitzt einen 1,75 l großen
luftgekühlten Vierzylinder-Boxermotor mit 40
PS, wird nach dem deutschen
Einmarsch ins Sudetenland Ende 1938 allerdings
nach knapp über 500 Exemplaren
gestoppt, da man darin unter anderem unliebsame
Konkurrenz zum Volkswagen
sieht.
Nach
dem 2. Weltkrieg beginnt im
unbeschädigt gebliebenen Tatra-Werk gleich
wieder die Produktion der Modelle T
57b, T 87 und der Lastwagen (speziell des neuen
luftgekühlten V-Zwölfzylinder-Typs
111). Die erste Neukonstruktion ist 1947 der T 600
Tatraplan, ein Stromlinienwagen
mit luftgekühltem Vierzylinder-Boxermotor
(1,95 l, 52 PS) im Heck, der bis 1952
(zuletzt bei Skoda) etwa 6.300 mal produziert
wird. Tatra engagiert sich auch
erfolgreich im Rennsport, neben dem Tatraplan auch
mit reinen Rennfahrzeugen
mit Mittelmotoranordnung!
Erst
ab 1957 wird nach
mehrjähriger Pause mit dem Typ 603 wieder ein
Personenwagen bei Tatra in Serie
gefertigt. Die Funktionärs-Limousine besitzt
wieder einen luftgekühlten
Achtzylinder-V-Motor im Heck (ca. 2,5 l, 95-105
PS, 160 km/h), besitzt jedoch
nicht mehr die Tatra-typische Heckflosse. Der
Wagen wird bis 1975 in drei
Serien (anfangs noch mit drei Scheinwerfern)
über 20.000 mal produziert und bis
Mitte der 60er Jahre sogar erfolgreich im
Motorsport bei Langstreckenrennen,
unter anderem am Nürburgring, eingesetzt.
Ab
1953 wird der Klein-Lkw T 805
und ab 1959 der Hauber-Lastwagen T 138 (ab 1970
dessen Nachfolger T 148)
hergestellt. Ab 1967 baut Tatra den
Frontlenker-Lkw T 813 und ab 1983 das
Nachfolgemodell T 815, das aktuell noch vom Band
läuft. Dessen Motoren besitzen
acht, zehn oder zwölf Zylinder, sowohl
(luftgekühlt) aus eigener Produktion als
auch (wassergekühlt) von anderen Herstellern.
Das überlegene Konzept der
Tatra-Lastwagen zeigt sich eindrucksvoll in bisher
sechs Siegen (Lkw-Wertung)
der Dakar-Wüstenrallye, zuletzt 2001. Seit
2011 wird parallel der Nachfolgetyp T
158 „Phoenix“ mit identischem Fahrwerks- und
Antriebsprinzip, jedoch Motoren
und Kabinen von DAF hergestellt.
Mit
dem Nachfolgemodell der
Limousine T 603, dem Typ 613, bricht Tatra mit der
Stromlinientradition. Der
Entwurf des ab 1974 produzierten kantigen Wagens
stammt vom italienischen Karosserieschneider
Vignale. Sein luftgekühlter 3,5 l
Achtzylinder-V-Motor mit 165 PS (und später
mehr) ist über der Hinterachse angeordnet,
was eher als Mittelmotor-Bauweise
anzusehen ist. Das 190 km/h schnelle Fahrzeug
rettet sich (modifiziert in insgesamt
fünf Serien) über die „Wende" und wird
bis 1996 über 11.000 mal
hergestellt.
Nachfolger
ist die Limousine T
700, weiterhin basierend auf dem T 613, die noch
zwei Jahre lang bis 1998 in
Handarbeit in nur ca. 65 Exemplaren produziert
wird. Seitdem verlassen bei
Tatra nur noch Lastwagen die Werkshallen. Heute
ist Tatra die viertälteste noch
existierende Automobilfabrik auf der Welt (hinter
Mercedes-Benz, Peugeot und
Daimler/GB) und wohl die älteste
Fahrzeugfabrik überhaupt.